Hajo Steinert, "Döblin, dringend gesucht" Berlin-Romane der neunziger Jahre (in: Christian Döring (Hg.): Deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Wider ihre Verächter. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995, S. 243-254)
Metropolenbewußt geben sich die Texte der jungen allemal, wenngleich viele der Neuerscheinungen in den neunziger Jahren ein Eingeständnis des Scheiterns an der Metropole zum Ausdruck bringen. Das neue Berlin ist deshalb für die Autoren von literarischem Reiz, weil die Stadt in Bewegung ist wie kaum eine andere in der westlichen Welt. Auffallend viele Berlin-Romane stammen von Autoren, die gar nicht in Berlin aufgewachsen sind. So unruhig, zerrissen, unübersichtlich die realen Verhältnisse in einer über Nacht zur Weltstadt proklamierten Stadt sind, so fragmentarisch, tastend, unfertig sind auch die Berlin-Texte. Bewußt fragmentarisch, müßte man hinzufügen. Darin besteht der Realismus in der Literatur der neunziger Jahre, so unterschiedlich die einzelnen Texte in ihren Erzählweisen auch ausgefallen sind.
4. August: Peter Schneider veröffentlicht in der ZEIT einen Essay über den Völkermord in Bosnien: Bosnien - ein Kommunikationsfehler?:
Die Bürger Europas, die unmittelbaren Augenzeugen der ethnischen Raserei jenseits der Adria, sind von den Politikern nie gefragt worden, welche Opfer sie für die Beendigung des Mordens zu erbringen bereit sind. Allerdings haben diese Bürger ihre Politiker auch nie vernehmlich aufgefordert, befragt zu werden. Es hat bisher keine einzige unübersehbare Demonstration gegen den Völkermord in Bosnien gegeben. Mururoa liegt einstweilen näher. Am Ende, wenn die Leichen in Bosnien gezählt und die terminologischen Krücken für die Unausweich-lichkeit des Zuschauens zerbrochen sind, könnte sich erwei-sen, daß ein "Kommunikationsfehler" schuld an dem Desaster war. Warum habt ihr uns nicht gesagt, daß wir gegen diese Katastrophe doch etwas unternehmen konnten? werden die einen sagen. Und die anderen: Was, ihr wolltet wirklich etwas tun, gar euer Leben für die Moslems dort hinten im Balkan riskieren? In-schã-allãh Warum erfahren wir das jetzt erst?
28. August: Die Diskussion erfährt eine Erweiterung mit einem Interview mit Jurek Becker in der Frankfurter Rundschau:
Ich habe schon alle Analysen und Aufrufe und Pamphlete zu Bosnien gelesen, die ich mir vorstellen kann. Was gäbe es da für mich zu tun, außer zu wiederholen? [...] Ich bin gegen die, die Greuel anrichten und vertreiben und sich wie Kannibalen aufführen, und das sind jeden Tag andere. Soll ich laut schreien: Nieder mit Serben, Kroaten und Bosniern? Vielleicht glauben Sie auch, man müßte sich dafür stark machen, daß bei uns, in Deutschland, mehr getan werden sollte, um die Folgen dieser Katastrophe zu lindern. Aber Worte könne da längst nicht mehr helfen. Es kann sein, daß ich nun wie ein Sprachrohr der Bundesregierung klinge - doch wenn es stimmt, daß Deutschland mehr Flüchtlingen aus dem unglücklichen Jugoslawien aufgenommen hat als der Rest Europas, dann ist das mehr als ein symbolischer Akt und mehr als ein Lippenbekenntnis. Wie leid es mir tut, ich weiß keinen Rat. Ich finde es falsch, Soldaten hinzuschicken, und ich finde es falsch, keine Soldaten hinzuschicken. Wozu soll ich aufrufen?
Hans Magnus Enzensberger: Aus: Kiosk (Frankfurt/Main: Suhrkamp 1995)
Unbemerktes Mirakel
Vom See Genezareth
hat er vermutlich nie gehört,
der Siebzigjährige dort an der Ampel.
Die Mutter ging nicht in die Kirche.
Wie geringfügig seine Chancen sind,
heil über die Kreuzung zu kommen,
mit dem Spitz an der Leine! Wunderbar,
daß er überhaupt aufgetaucht ist
aus dem Neolithikum, daß er
die Sturzgeburt überlebt hat,
damals bei Leschnitz im Chelm,
heute Lesnica, Polen, in einer Scheune,
umstellt von Heckenschützen, dann
das splitternde Eis auf dem Weiher,
mit sieben, beim Schlittschuhlauf,
später jahrelang Stempeln,
Trommelfeuer bei Kursk, Schlaganfall
auf Mallorca, und dennoch tausendmal
die tödliche Fahrbahn überquert
beim Milchholen - unwahrscheinlich
sagen wir: zehn hoch minus neunzehn,
daß er davongekommen ist
bis auf den heutigen Tag,
stolpernd, doch trockenen Fußes
auf seiner langen Wanderung
über den See Genezareth, von der er
so wenig weiß wie sein Hündchen.
Von Abraham bis Zwerenz. Herausgegeben vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie:
Die Anthologie will zur geistig-kulturellen
Einigung zwischen Ost- und Westdeutschland beitragen. Weil die
Weichen hierzu am ehesten im Bildungswesen gestellt werden können,
sind Autorinnen und Autoren gebeten worden, aus ihren Werken Texte
auszuwählen, die in der Lehrer-bildung, in den Schulen und
außerschulischen Einrichtungen sowie in der kulturellen
Bildung hilfreich sein mögen, die gemeinsame, aber auch verschiedene
kulturelle Vergangenheit aufzuarbeiten und die Befindlichkeiten
zu verdeutlichen. [...] Um der Absicht der Anthologie gerecht
zu werden, die Menschen in Ost- und Westdeutschland mit ihren
unterschiedlichen Sorgen, Wünschen und Hoffnungen einander
näher zu bringen und gegenseitiges Vertrauen zu wecken, wurden
vor allem Texte aufgenommen, die Aufschluß geben über
vergangene und insbesondere gegenwärtige Probleme und Befindlichkeiten,
gesellschaftliche Zustände und den Alltag von damals und
heute. Viele Arbeiten sind noch unveröffentlicht, einige
sind Ausschnitte aus eben erschienenen Büchern. Manche Texte
gehörten bereits in der DDR zu den gängigen Lesestoffen,
andere [...] durften in der DDR nicht gedruckt werden.
Peter Wawerzinek, Mein Babylon (Berlin: Transit-Verlag) [vgl. auch www.wawerzinek.de]:
Babylon, wie er es kannte, bestand nicht mehr. Dieser Ort aus gemäßigtem Lärm war ver-schwunden. Die Leute wirkten vergnatzt. Zündsätze, die Brände auslösen sollten, waren verpufft. [...] Häuptlinge, mit einer Perlenschnur aus Entschuldigungen behangen, standen wie Blödiane. Ängstlichkeit schwelte, daß sich die Augen röteten. A. hörte in sein Herz. Es hauchte ihm schwach Vergeblichkeit. Die Jahre, die er in Babylon verbracht hatte, nannte er verjährte Zukunft. Er erinnerte sich an die letzten Aufrufe der Babyloner. Die auf den zentralen Plätze nach Freiheit riefen. Schönheit sehnten. Ihre Sehnsüchte durch die Alleen peitschten. [...] A. wandelte erneut unter Babylons Menschen. Die er einmal gekannt zu haben glaubte, waren ihm fremd geworden. Alle stöhnten. Männer stöhnten. Frauen. Die Alten und selbst Jugendliche. Die paar Helden, die ihn einmal heftig beschäftigt hatten, leierten nur noch Niedertracht. Wie durch ein undurchschaubares Komplott heimlich aneinandergebunden, gaben sie sich allesamt als Verlierer. Er vernahm aus ihren Mündern geübte Ohnmacht. [...] Häßliche Biografien robbten auf ihn zu. Flatterten wie desorientierte Fledermäuse. Gerüchte und erschreckende Details aus Protokollen und Akten verfingen sich in seinen Locken. Daß er aufschrie, er könne nichts erkennen. Würde fremder sich. Müsse verstummen. Das war aber auch schon alles. A. besann sich, was er hier wollte. Nämlich nachsehen. Mehr nicht. Aha sagen. Also schluckte er den Zorn. Rang die unartigen Artikulationen nieder. Unterband, was im ihm, krampfartig versuchte, eine Art Schleuse zur unwiederbringlichen Zeit zu werden. Denn A. hatte gelernt, ohne Babylon zu existieren. Lebte recht gut in einer anderen Welt.
Jens Sparschuh, Der Zimmerspringbrunnen. Ein Heimatroman (Köln:K Kiepenheuer & Witsch 1995):
Es handelte sich da um Geschenkartikel, ca. 250 Stück Kugelschreiber in Form des DDR-Fernsehturms, die ich noch aus meiner KWB-Zeit herübergerettet hatte. (Gedacht waren sie ursprünglich als "kleines Dankeschön" für Bürger, die sich bei der Verschönerung unserer Haupt-stadt verdient gemacht hatten.) Das Bemerkenswerte, was ich nun herausgefunden hatte, war: schraubte man so einen Kugelschreiber auseinander und nahm Mine und Feder heraus, ergab sich eine ideale Hohlform, in die der JONA-Wasserzuleitungsschlauch hineinpaßte! Die goldene Aufschrift "Berlin - Hauptstadt unserer Republik" hatte ich bei meinem ersten Versuch zwar ausgekratzt; später als ich mit ATLANTIS in Serie ging, ließ ich sie einfach stehen. [...] Mir dämmerte allmählich, daß die Intuition (oder was immer es sonst gewesen sein mag) mich damals, an jenem Abend mit dem defekten JONA, durchaus auf den richtigen Weg geleitet hatte, als sie mich in mühseliger Nachtarbeit die Umrisse der DDR, meines untergegangenen Landes, aus der Kupferplatte heraussägen ließ. [...] Die ältere Dame jedenfalls hatte feuchte Augen, als sie mir zum Abschied stumm die Hand drückte. Nur die Kinder schienen, vor die wahl gestellt, dann doch lieber dem Walfisch den Vorrang geben zu wollen, worauf der Vater aber sagte: Das versteht ihr noch nicht. Nein. Das konnten sie noch nicht verstehen. Ich, offen gesagt, verstand es auch noch nicht ganz. Es schien wohl zu stimmen, was ich mal über die Künstler gelesen hatte: sie verstehen oft ihre eigenen Werke nicht. A diesem Tag sollte mein Siegeszug mit ATLANTIS beginnen.
Christian Kracht: Faserland. Roman. (Köln: Kiepenheuer & Witsch 1995):
Links und rechts der Straße
rast Sylt an uns vorbei, und ich denke: Sylt ist eigentlich super
schön. Der Himmel ist ganz groß, und ich habe so ein
Gefühl, als ob ich die Insel genau kenne. Ich meine. ich
kenne das, was unter der Insel liegt oder dahinter, ich weiß
nicht, ob ich mich da richtig ausgedrückt habe. Ich kann
mich natürlich auch täuschen.
[...]
Meine Hemden sind alle von Brooks Brothers. Kein Hemdenmacher
schafft es, so einen wunderbaren Stoff herzustellen. Der Kragen
bei diesen Hemden rollt sich ein bißchen, und das Hellblau
sieht immer frisch aus, und deswegen kann man sie wirklich jederzeit
tragen. Der Unterschied zwischen Brooks-Brothers-Hemden und Ralph-Lauren-Hemden
ist natürlich der, daß Ralph Lauren viel teurer ist,
viel schlechter in der Verarbeitung, im Grunde scheiße aussieht
und man dann noch meistens so ein blödes Polo-Emblem auf
der linken Brust vor sich herum tragen muß.
[...]
Sie ist wirklich sehr nett, gerade weil sie auf eine erfrischende
Art dumm ist. Ich meine, sie redet einfach so drauflos, ohne darüber
nachzudenken, was sie sagt. Sie ist so unkompliziert. Nicht, daß
ich kompliziert bin, aber es gibt so bestimmte, völlig ineinander
verschachtelte Muster, die ich anwenden muß, um mit Menschen
umzugehen. Naja, Muster ist vielleicht nicht das richtige Wort.
Ich kann das nicht genau beschreiben, was ich meine. Es ist wie
so ein Rädchen, das sich dreht, und wenn das richtige Gegenstück
auf einem anderen Rädchen gefunden ist, dann rastet das erste
Rädchen ein, und es kann losgehen. Das Ganze kann man, glaube
ich, sich ein bißchen wie einen Trickfilm vorstellen.
Zé do Rock, fom winde ferfeelt (Berlin: edition diá 1995):
wir steigen an einer station in den buss ein und warten. der farer sit ser deutsch aus: er sitzt steif da, mit einer kappe als wäre er general, und list zeitung. dann steckt er di zeitung feierlich wek und bereitet sich auf den start vor als müsse er ein jumbo-jett in di luft bringen. wir faren los und versteen nich: der farer hat nich kassirt, ein schaffner gibt s auch nich. fargäste steigen ein und zalen genauso wenig wi wir. di fart kann doch nich umsonst sein. vileicht sind di fargäste gute bekannte vom farer? aber so vile bekannte kann der farer gar nich ham. vileicht wird woanders bezalt? an einer busszalungsstelle oder so? und was stet da? BITTE ENTWERTEN SIE IHRE FAHRKARTE. farkarte versteen wir, aber was meinen di mit disem wort entwerten? wert versteen wir auch, und ent- hat doch meist was mit weknemen zu tun, oder? wir sollen den wert von einer farkarte weknemen? eine farkarte zerstören, di wir gar nich ham? und wozu was kaufen, was ma anschliszend zerstören soll? zwischen dem ein und dem andren gedanken hält der buss an eim bussdepo an. der farer steigt aus, spricht kurz mit eim andren, der dann den buss übernimmt. ach so, diser farer kassirt nu von allen. von wegen. nix passirt, di fart get weiter und kein anzeichen dafür, das jemand bei uns kassiren möchte. warscheinlich hat der eine farer dem andren von uns erzält, eine verschwörung? wir kommen zum hauptbanhof, endstation. alle steigen aus, wir wissen nich, was wir tun sollen. wir stellen uns dem farer, bevor er uns ein bein stellt. "wir ham nich gezalt." "so? tia... dann, dann zalt halt das nächste mal." lustig, di deutschen.
Feridun Zaimoglu, Kanak Sprak. 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft (Hamburg: Rotbuch 1995):
Akay (29, vom Flohmarkt)
Honey, ich liefer dir den rechten zusammenhang, du willst es wissen, ich geb dir das verschis-sene wissen: wir sind hier allesamt nigger, wir haben unser ghetto, wir schleppen's überall hin, wir dampfen fremdländisch, unser schweiß ist nigger, unser leben ist nigger, die goldketten sind nigger, unsere zinken und unsere fressen und unser eigener stil ist so verdammt nigger, dass wir wie blöde an unserer haut kratzen, und dabei kapieren wir, dass zum nigger nicht die olle pechhaut gehört, aber zum nigger gehört ne ganze menge andersein und andres leben. Die haben schon unsre heimat prächtig erfunden: kanake da, kanake dort, wo du auch hingerätst, kanake blinkt dir in oberfetten lettern sogar im traum, wenn du pennst und denkst: joker, jetzt bist du in deiner eigener sendung. [...] Das ist die niggernummer, kumpel, es gibt die saubere kanakentour und die schmutzige, was auch immer du anstellen magst, den fremdländer kannst du nimmer aus der fresse wischen.