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Michael Triebel

Falko Hennig, Alles nur geklaut

In Falko Hennigs Buch "Alles nur geklaut" liegt eine autobiographische Erzählung in drei Kapiteln vor, in der der Autor von seiner Kindheit, seiner Jugend und schließlich von den Jahren als junger Erwachsener berichtet. Die Zeitspanne des Romans umfasst ungefähr die letzten 16 Jahre der DDR.
Falko Hennig wurde 1969 in Berlin geboren, begann nach der Schulzeit eine Lehre zum Schriftsetzer in der Druckerei des Ministeriums für Nationale Verteidigung, ehe er an einer Abendschule das Abitur nachmachte. Genau diese drei Zeitabschnitte bilden auch die Eckpfeiler des Romans. Nach dem Abitur hielt sich Hennig mit verschiedenen Jobs (Pförtner, Aktmodell, Radiomoderator) über Wasser; nach diversen Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitungen begann er 1997 mit der Arbeit an "Alles nur geklaut".
Die Erzählung beginnt in den Kindertagen des Autors; bereits hier berichtet er von seiner Angewohnheit, Dinge zu stehlen. So nimmt er gleich zu Beginn des Buches im Kindergarten eine kleine Lokomotive samt einigen Waggons mit nach Hause. Ich bezeichnete es bewusst als ´Angewohnheit´, da während des ganzen Buches, in keiner Situation der Eindruck aufkommt, dass es sich bei den Diebstählen um illegale Vorgänge handelt, sondern über der Erzählung liegt die ganze Zeit ein Anschein von Normalität.
Im ersten Kapitel berichtet Hennig von der Zeit im Kindergarten, bis zum Entschluss Schriftsetzer zu werden. Im Laufe dieses Kapitels entwickelt Hennig eine große Faszination für Bücher; er liest, ja er verschlingt geradezu alles, was er zwischen die Finger bekommen kann. Somit werden Bücher zu seiner liebsten Diebesbeute. Egal, ob aus sämtlichen Bibliotheken, oder Buchläden, er sammelt sich einen immer größer werdenden Fundus an Büchern an. Auf Nachfragen seiner Eltern, woher er denn die vielen Bücher hätte, war er nie um eine Ausrede verlegen. Wenn seine Eltern ihm auf die Schliche kamen, war für ihn natürlich jedesmal eine Strafe fällig. Die wirklich großen Probleme entstanden für Hennig aber erst durch - ich möchte es einmal Auffälligkeiten gegenüber dem politischen System der DDR nennen. Hennig beschreibt in seinem Roman auf äußerst diffizile Weise, wie das System der DDR funktionierte; wie unsicher man in sämtlichen Bereichen leben musste, da man sich nie sicher sein konnte, ob nicht gerade ein Stasi-Mitarbeiter oder sonstiger Systemanhänger in Höhrweite sei. So berichtet er von einem Erlebnis aus der Schulzeit. Eine Lehrerin erwies sich im Unterricht auf einmal als äußerst kumpelhaft und sprach mit den Kindern über das Westfernsehen und die Presse in der DDR. Sie selbst hat die Diskussion um Meinungsfreiheit, politische Systeme usw. angeheizt und so den Schülern Statements entlockt, die selbstverständlich nicht allzu positiv für das SED-Regime ausfielen. Für die Schüler war das, nach der Beschreibung Hennigs zu urteilen, ein wahres Vergnügen, endlich einmal offen über solche Themen reden zu können. Doch die Quittung für diese Offenheit folgte auf dem Fuße; alle systemfeindlichen oder gar nur kritischen Äusserungen wurden dem Direktor mitgeteilt, so dass sofort eine geeignete Strafe verhängt werden konnte. Im ersten Kapitel seines Buches bringt Hennig immer wieder Gegenstände ins Spiel, die symbolisch für den Westen, für den unerreichbaren und doch ersehnten Westen stehen, wie zum Beispiel Sticker von Mercedes, dem HSV, AC/DC usw. Aber das System war stabil, die Mauer fest und die Grenzen streng bewacht, an eine Entwicklung wie sie sich im zweiten Kapitel anbahnt, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu denken.
Da ihn die Ausbildung in der Druckerei des Ministeriums für Nationale Verteidigung nicht so ausfüllte und zufrieden stellte, wie er sich das vorstellte, besuchte Hennig die Abendschule, um das Abitur zu machen. Der Sinn der Druckwerke, die in dieser Druckerei hergestellt wurden, blieb Hennig verborgen ("Aber aus irgendeinem im System liegenden Wahnsinn musste die Zeitung trotzdem jede Woche hergestellt werden"). Dass aber das politische System nicht total ohne ´Lockmittel´ auskommen konnte, wird deutlich, wenn Hennig davon berichtet, dass die DDR alles versuchte, "um die Jugend für sich zu gewinnen. Sie holten Bob Dylan, Bruce Springsteen, sogar Udo Lindenberg ins Land". Natürlich kam an die Karten nur derjenige, der Beziehungen hatte. In einer Passage wird ganz deutlich, wie sehr sich die Menschen nach einem offenen Land sehnten, das nicht für seine Bürger eine Art Gefängnis ist; Loriot tritt im Theater im Palast der Republik auf. Da es unmöglich war, an Karten im freien Verkauf zu kommen, versucht Hennig sich in den Palast einzuschleichen. Er wollte unbedingt bei dieser Aufführung dabei sein, "denn Loriot, das war die Welt, das war die BRD". Doch der Versuch scheiterte, da Hennig versehentlich in die Volkskammer gelangte; selbstverständlich wurde er daraufhin sofort festgenommen. Nach dem Verhör durch die Soldaten wurde Hennig noch von den Soldaten bewacht; in dieser Zeit las er in einem Buch, das er bei sich hatte: Thomas Manns "Die Buddenbrooks". So machte er sich gleich noch verdächtiger; er las vor Soldaten der DDR in einem Buch von Thomas Mann "einem bürgerlichen Autor". Für die Soldaten dürfte das so wirken, als wollte er sich in der Volkskammer verstecken, um dann "den Staatsratsvorsitzenden in aller Öffentlichkeit mit der bürgerlichen Schwarte zu erschlagen". Ganz typisch für die gesamte Erzählung kommt auch hier wieder das Augenzwinkern bei Hennig zum Vorschein; es liegt hier eben keine dröge Abhandlung der schlimmen Umstände, die in einem derartigen politischen System herrschen, vor. Während die Zeit bei Hennig mit weiteren Diebes-Zügen vergeht, beginnt langsam der politische Umbruch; Ungarn öffnet seine Grenzen zu Österreich, die Selbstschussanlagen wurden abgebaut. Wie sich alles weiterentwickeln würde, war zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht abzusehen. Die meisten rechneten wohl damit, dass als nächstes die Grenze nach Ungarn dichtgemacht werden würde, um eine mögliche Ausreisewelle zu verhindern. In diesem Glauben machte sich auch Hennig mit einigen Freunden auf, um sich den Westen wenigstens mal anzuschauen; sie wollten nach ihrem Besichtigungsausflug wieder in die DDR zurückkehren, was ihnen selbst aber bald als sehr absurde Idee erschien. Nach der Überwindung von einigen Hindernissen gelangten sie nach Österreich. Auf der Reise in den Westen schildert Hennig in vielen Details die Verwirrung, das Chaos, das diesertage in der DDR und den Nachbarländern herrschte; keiner wusste genau, wie er auf die Ereignisse reagieren sollte, und zu welchem Ende sich wohl alles entwickeln würde.
Zu Beginn des dritten Kapitels beschreibt Hennig sehr plastisch die große Gastfreundschaft und Freude, mit denen die Bürger aus der DDR im Westen, z.B. eben in Österreich aufgenommen wurden. Während ihrer West-Exkursion - sie waren inzwischen in Köln angekommen - geschah das, was sie bei ihrer Abreise bereits vermuteten; die DDR riegelte ihre Grenzen zu Ungarn und der Tschechoslowakei ab; zeitgleich formierten sich aber in der DDR die bekannten Demonstrationen, die einen großen Anteil am Zusammenbruch des Regimes hatten.
Den tatsächlichen Zusammenbruch der DDR erlebte Hennig im Westen; gerne wäre er live dabei gewesen. In einigen Passagen nach der deutsch-deutschen Grenzöffnung macht Hennig gleich klar, dass nicht alles im Westen besser war, als im Osten. So wäre zu DDR-Zeiten sein gestohlener Pass automatisch in die Fahndung gekommen. Eine weitere Facette des Romans wird klar, wenn Hennig nicht nur sehr detaillverliebt von der Vergangenheit erzählt, sondern auch bereits auf die durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten entstehenden Probleme anspielt. Er schildert Leute, die am Morgen mürrisch in der Straßenbahn zur Arbeit unterwegs sind; sie fahren eben noch zur Arbeit, da "die Wende, die ihre Jobs kosten würde,[...] noch nicht so weit vorangeschritten [war]".
Doch nicht nur an der Freiheit der offenen Grenzen fand Hennig Gefallen, sondern auch an der Perfektionierung seiner kriminellen Karriere; endlich stießen seine zahlreichen Ideen nicht mehr an die unerschütterlichen Grenzen der DDR, sondern er konnte weltweit operieren. Reiseanbieter und Versicherungen waren jetzt auch nicht mehr vor den raffinierten Tricks Hennigs sicher. Doch pünktlich zum Ende des Buches bezeichnet der Autor selbst, seine kriminelle Karriere als beendet; so stellt sich auch beim Leser das Gefühl ein, dass das ja alles gar nicht so schlimm und kriminell war.
Meiner Meinung nach gelang Falko Hennig ein lesenswertes Buch über die letzten Jahre der DDR. Es dürfte wohl schwer fallen, dieses Buch in eine Schublade zu pressen, ohne dass nicht an irgendeinem Ende wieder etwas heraushängen würde. Vordergründig geht es natürlich um diesen Jungen, der alles, was auch nur in irgendeiner Form transportabel ist, klaut; hintergründig aber gibt dieses Buch dem Leser den Blick frei, auf den Alltag im politischen System der DDR
Durch die alltägliche Sprache und den klaren inhaltlichen Duktus stellt die Lektüre keine große Anstrengung dar. Der Vermutung, dass Hennig mit seinem Buch "Alles nur geklaut" einfach nur einen unterhaltsamen Rückblick auf die Zeit der DDR und der Wende bieten will, widerspricht allein schon die Widmung zu Beginn des Buches: Den Opfern; er bemüht sich vielmehr, einen kritischen Blick auf das Regime der DDR zu richten und berichtet von den Tücken und Gefahren eines totalitären Regimes - trotz des Ernstes des Erzählten - mit einem Augenzwinkern.

Falko Hennig, Alles nur geklaut, Augsburg, 1999

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