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Leserumfrage zu den behandelten Debütromanen
(als power point - Präsentation hier zum download)

 

29.05.2002

Zitatenschatz mit Autorenaussagen:
(Dokument downloaden: "selbstaussagen.rtf")

1. Popliteratur:
Definitionssuche: (Autoren)

Fridolin Schley: Pop als Masse/ Marketing; Popliteratur beinhaltet Realismus

Kathrin Röggla: Zwei Definitionen von Pop
a) rein inhaltliches Verständnis, Nacherzählung der Gegenwart
b) Reibung zwischen Bewusstsein, Medien und Sprache (in ihren Augen "engagierter Pop")

Benjamin von Stuckrad-Barre: Popliteratur als Unterhaltungsliteratur, die man jedoch nicht von ernsthafter Literatur abgrenzen darf.

Ein möglicher Ansatz ist der Versuch, Popliteratur zu definieren, um dies dann für das eigene Werk ausschließen zu können (Abgrenzung). Trotz der Definitionssuche bleibt der Begriff "Popliteratur" ungefüllt.

Schlussfolgerungen:
- Pop als von außen aufgelegtes Marketingkonzept, das keine inhaltliche literarische Aussage macht. Es bleibt der Versuch, etwas zu kategorisieren, was nicht kategorisierbar ist

=> der Begriff "Pop" funktioniert, solange er unklar bleibt (Pop als Leerstelle)

- Fragen nach dem Begriff "Popliteratur" werden mit ungefüllten Wortkonstrukten zu beantworten versucht.

Inwiefern findet man dieses "Spiel mit offener Semantik" auch in den Texten der Autoren??

2. Authentizität

- die Autoren verweigern eine Abbildung ihrer Person durch die Protagonisten ihrer Werke
- Es gibt aber Parallelen zu ihrem Umfeld, Alltag, Freunden und persönlichen Erfahrungen. Welche Aspekte dabei autobiographisch sind, soll jedoch unklar bleiben
- Innerhalb einer Generation gleichen die Erfahrungen in den Texten der Autoren denen der Leser
- Ich-Perspektive: enger Zusammenhang mit Realismus

=> hohes Identifikationspotential der Literatur der 90er Jahre!

3. Inhalte:

- das Etikett der "wert- und moralfreien" Literatur wird von der Öffentlichkeit verlangt, ist in den Texten jedoch nicht nachweisbar
- neue Moralität als Treffpunkt der Texte

( möglicher Ansatzpunkt die Literatur der 90er Jahre zu definieren???)


15.05.2002: Thema: "Inhalte" (part two)

Diskussionspunkte:

1. Exkurs

Wortspiele - Internationales Festival junger Literatur,
Muffathalle 8.-10. Mai 2002
Fazit: Massierung der Ich-Erzähler !
Bemerkenswert: Roman von Tanja Langer, Der Morphinist oder Die Barbarin bin ich. München: Luchterhand 2002
[Vgl. hierzu Kritik von Kehlmann, Daniel: Hitlers Mentor. In: Literaturen 5/02]

2. Im Geflecht der rekurrenten Themenkomplexe wird versucht, die Topoi Reisen und Orientierungssuche/Orientierungslosigkeit in Zusammenhang zu bringen.

Fragen:
In welchen Romanen bekommen die Reisen eine Funktion? Wo erreichen sie ein Ziel? (Schley, Düffel, Regener)
Ist die Orientierungslosigkeit Antrieb der Protagonisten oder nicht?
Findet eine Suche nach (neuen) Koordinaten - sprich: Wertebeziehungen, Anschauungsmodelle, Erkenntnisstände - statt?

Vorläufige Antworten/Ergebnisse:
In den (nach unserem momentanen Erkenntnisstand...) Pop-Romanen findet keine Suche nach Koordinaten statt, in den Nicht-Pop-Romanen schon.
Damit stellt sich die Frage nach der Entwicklung des Protagonisten, die per definitionem zu den genuinen Merkmalen der Gattung Roman gehört.
Findet keine Entwicklung statt - die sich offensichtlich an der Veränderung der Koordinaten festmachen ließe - so läßt sich folglich ein innerliterarisches Problem in bezug auf die Textgattung erkennen. Die meisten der gelesenen Debüts werden nämlich explizit als Romane ausgegeben.

Die Diskussion um die Entwicklung des Protagonisten in Regeners Herr Lehmann führt uns zum nächsten Punkt.

3. Inwieweit spielt der Themenkomplex Politik/Geschichte eine Rolle in der Literatur der 90er Jahre?

Geschichte und Politik als Leitfragen bei der Orientierungssuche scheinen für die junge Generation aufgehoben zu sein. Politik ist nicht mehr als ein "Mannschaftsspiel" (Dückers, Spielzone).

Am Beispiel von Herr Lehmann stellt sich in einer - kontrovers geführten - Diskussion heraus, daß die Frage nach der Perspektive auf die Politik aufschlußreicher ist, als die Frage nach dem Einfluß der Politik auf die jungen Literatur. Die Wahrnehmung der politischen Arena ist je nach Sozialisationsraum der Autoren unterschiedlich.

Politik, so stellen wir fest, findet aktionsgeladen, zirkusgleich wie auf einer "Bühne" statt. Der Protagonist ist dabei nur ein unbeteiligter Zuschauer.
Die "Betroffenheitsschiene" in bezug auf politische Themen ist den Autoren der älteren Generation vorbehalten (Maron, Wolf, Walser), junge Autoren behandeln die Thematik humoristisch, zynisch, treiben sie teilweise ins Burleske (v.a. Wiedervereinigung, vgl. Brussig, Kleeberg, Sparschuh, Schulze).

Politik kommt vor, ist aber wenig interessant. Warum wird sie nicht vollends ausgespart?
- Sprößlinge der "68er Mühle". Rechtfertigungszwang der Jungen ob des Vorwurfs unpolitisch zu sein. Zwiespalt: Man darf nicht schweigen, will aber auch nicht in die politische Sprache der Elterngeneration verfallen.
- "Diskursiver Zwang". Thematisierung des politischen Umfeldes obligatorisch.

4. Frage: Welche Themen werden in den ausgewählten Romanen nicht behandelt? Verhindern gewisse Komplexe das Aufkommen bestimmter anderer Themen? Frage nach den "Leerstellen" im Text.

Folgende Themenbereiche/Elemente fehlen:
- Politik/Geschichte
- Ökonomie
- Theologie/Ethik/Moral
(ethische und moralische Elemente lassen sich in einigen Romanen finden, z.B. Hennig von Lange Relax, Schley Verloren, mein Vater)
Indikator für das Fehlen von Koordinaten
- Mentorfigur (klassischer Bestandteil des Romans)
Fehlen einer "Führerfigur", die Protagonist in Gesellschaft einweist
Inflation der Ich-Erzähler
Fehlen der Mentoren führt zu Grenzüberschreitungen hin
ICH wird selbstreferentiell
Wahrnehmung der Umwelt wird punktuell

Auf der Handlungsebene gibt es kaum Grenzüberschreitungen, die Offenheit/Orientierungslosigkeit des Protagonisten erscheint als Konsequenz des Erzählens. Daraus legitimiert sich der selbstreferentielle Ich-Erzähler und die Darstellung eines engen Zeitraums, einer punktuellen Momentaufnahme.
- Liebe/Sex
Einschränkung: Liebe und Sex fehlen nicht als Themen, sondern als "Aktionen". Sex äußert sich zumeist in einer Form der Eigenliebe/Selbstbefriedigung, die wiederum auf die Selbstreferentialität und auf die Beziehungslosigkeit des Individuums verweist ("Implosion des Systems"). Die Eigenliebe potenziert sich bei den sogenannten Pop-Literaten, da sie sich als über die Masse erhaben verstehen. Bei Nicht-Pop-Literaten ist diese Status-Unterscheidung nicht vorhanden.
Bei der Behauptung, Liebe sei kein Thema der jungen Generation, ist Vorsicht geboten. Liebe ist ein strittiger Begriff. Was in den besprochenen Romanen tatsächlich fehlt, ist ein definitorischer Akt des Begriffes.

5. Es schließt sich eine Diskussion um das Motiv der Reise/Koordinatensuche in Krachts Faserland an. Auf die Frage, ob es sich bei der Reise des Protagonisten tatsächlich um eine Reise oder vielmehr um eine Flucht handelt, kann kein Konsens gefunden werden. Eine Entwicklung aber - so läßt sich sicher feststellen - findet nicht in dem statt, was der Protagonist tut, sondern in dem, was er denkt.

Anhand der Diskussion wird deutlich, wie groß das Bedürfnis der Rezipienten (in diesem Fall sind das die Seminarteilnehmer) nach Sinnvermittlung ist, und wie stark die junge Literatur die Konstitution von Sinn in den Leser hineinlegt - was als größtes Kompliment an den Text zu verstehen ist.

Diese Form des kollaborativen Schreibens gibt die Sinnfrage an den Leser weiter und läßt somit (erfreulicherweise!) jeglichen didaktischen Impetus vermissen. Für ein Gelingen dieser Literatur ist die Mitarbeit der Rezipienten gefordert.

08.05.2002: Thema: "Inhalte" (part one)

a) Einstieg: Zitate

Diesmal fuhren wir nicht in die Stadt, und ich freute mich. Sie parkte an einem Waldweg. Ich übersprang die Lücken zwischen den Zacken, die die Räder eines Traktors in die von der Hitze brüchige Erde gestoßen hatten. Das helle Kleid meiner Mutter bauschte sich wolkig um ihren Körper, und ich ahnte, daß sie gleich etwas Wichtiges sagen würde. Aber sie schwieg, den ganzen Weg, bis die Spuren des Traktors immer undeutlicher wurden [...]. Meine Mutter legte sich hin, ich legte mich neben sie auf die trockene Erde und spürte neben mir ihren glatten, pochenden Hals. Sie sagte, daß sie einen Mann, Alois, getroffen habe, den sie liebe, so wie sie einmal meinen Vater geliebt habe, und daß sie mit ihm fortgehen werde, für immer. Überall, wo ich hinsah, waren diese gelben und roten Blütenköpfe, die einen Duft ausströmten, der mich schwindlig und müde machte. Ich drehte mich zur Seite; das Ohr auf den Boden gepreßt, hörte ich ein Summen und Knistern, als bewege sich da etwas tief unter der Erde, während ich ihren weit entfernten Mund weiterreden sah und ihre Augen, die in den Himmel schauten, der wie eine greifbare blauen Scheibe über uns schwebte. (S. 15f.)

[...] und ich gehe in der Mitte der Straße, auf der weißen Linie, die die Fahrbahn in zwei Spu-ren teilt; gehe darauf der Stadt entgegen, wie auf einem Faden, der mich langsam, Schritt für Schritt auf wickelt. Von weitem sehe ich das Licht eines Fabrik-schlo-tes. Es blinkt zuverlässig im Zwei-Sekunden-Rhythmus, irgendwo dort wird es ein Zim-mer geben, weit oben in einem Hoch-haus, wo die Menschen zurücksinken und der Lärm an den Mauern abperlt. Im Fenster wür-de ich den Himmel sehen, und wenn ich das Fenster öffnete und hinunterschaute, sähe alles winzig und ungefährlich aus wie Spielzeug. In einem Vorort, zwischen Wohnblöcken, liegt ein Park. Schwarze Vögel hängen in den kahlen Ästen. (S. 121)

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Auf solchen Parties bin ich immer schnell traurig über die horrende Anzahl von schönen Frau-en, die man niemals sprechen oder gar küssen wird. Mit einer ziemlich schrecklichen Frau komme ich dann ins Gespräch [...]. Ich schätze mal, über ihrem Bett hängt in DIN-A 0 der sterbende Soldat, auf dem Boden steht eine Lavalampe. Sie hört gerne Reggae. Scheiß Pearl Jam findet sie "superintensiv", auf ihre CDs von Tori Amos und PJ Harvey hat sie mit Edding geschrieben "?-Power rules", [...]. Als Nachthemd dient ihr treu ein zerschlissenes "Abi 1987"-T-Shirt, neben ihrem Bett (einer Matratze!) liegen lauter Armbändchen aus Ecua-dor oder so, sol-che, die auch zuhauf an Wolfgang Arschgesicht Petry dranhängen, die sie aber zum Groß-teil hat ablegen müssen, weil sie auf den Dreck allergisch reagiert. Auch aller-gisch rea-giert sie auf die Spice Girls, [...]. Harald Schmidt ist ein Nazi, Pippi Lang-strumpf und Che kleben auf ihrer Zimmertür, und sie raucht keine Zigaretten, bloß Hasch manch-mal, [...] und Taxifahren findet sie "dekadent". Wenn sie ihre Eltern be-sucht, ißt sie da nur Sa-lat, damit die Eltern sich Sorgen machen, in der WG aber gibt es Fo-li-en-Fleischwurst [...]. (S. 32)

Ich mag die Schwulen und ihr Café ganz gerne - sie [...] reden über alles, was von eigent-li-cher Bedeutung ist: Sex, Liebe, Kleidung, Frisuren und Gewicht. (S. 71)

[...] das finden die Leute immer irre, wenn sich jemand hinstellt und völlig unbewiesen einfach mal so vom "besten Milchkaffee der Stadt" erzählt. Das klingt sehr beeindruckend, und die Leute halten einen für weitgereist und für außerdem sehr exakt und feingeistig. Man kann auch schon im März von einer Platte, einem Konzert oder einem Film behaupten, daß das "jetzt schon Filmplattekonzert des Jahres" ist. Das bleibt unwidersprochen, ganz sicher, die Leute mögen solch kategorische Behaupterei. (S. 239f.)

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"Betrifft Halbseitenlähmung meines Sohnes Benjamin Lebert ist darauf zu lesen. Wie oft habe ich diesen Umschlag schon in die Hand eines Lehrers gedrückt? Bestimmt schon ein dutzend- mal. Jetzt tue ich es wieder. (...) Er öffnet den Brief, zu meinem Entsetzen liest er laut vor. (...) Als das letzte Wort gesprochen ist, schließe ich meine Augen. Ich sehne mich an einen Ort, wo Erklärungen nicht vonnöten sind." (S.12f.)

"Scheiß dir nicht in die Hosen" erwidert Janosch. "In meinen Augen bist du weder behindert, noch normal. In meinen Augen bist du ... crazy." Janosch lacht. "Ja genau, das ist es - du bist nicht behindert, sondern crazy." (S.42)

"Ich zittere. Ich habe es noch nie mit einem Mädchen getrieben. Die wollen doch eigentlich gar nichts von mir. Ich bin doch zu seltsam. Außerdem bin ich betrunken. (...) Aus den Lautsprechern erklingt nun das Lied Knocking on Heaven´s Door von Guns ´N´Roses." (S.78)

"Warum muß ich denn überhaupt jemals erwachsen werden? (...) Warum bleiben wir nicht alle einfach kleine Jungs? Die ihren Spaß haben wollen? Vögeln, lachen, glücklich sein. (...) Ganz allein in dieser verfluchten großen Welt. In irgend so einem bescheuerten Internat. Neuseelen heißt es ausgerechnet. Ja, meine Seele ist neu. Das kann ich sagen. Meine beschissene Seele. Ich vermisse mein Zuhause. Die Eltern. Warum streiten sie sich? Wo ist meine Schwester? Und warum zum Kuckuck werde ich so aggressiv? Ich habe doch gerade ein Mädchen genagelt, verdammt." (S.83)

"Die Zeit nimmt keine Rücksicht auf mich." (S.150)

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"Ich bin in einem Gewirre. Niemand sieht mich an, ich weiß nicht, was ich getan habe. Diese schönen Kinder mit ihrer Kinderhaut, mit ihren Kinderzähnchen, mit ihren Armbändchen - sie schlagen das Tor vor mir zu. Warum spricht niemand mit mir?" (S. 32f.)

"Das Mädchen fällt hin. (...) Alle haben es gesehen, einige haben gelacht, aber Nicole, die Blonde, hat dem Mädchen aufgeholfen, Nicole hat es an einem seiner mächtigen Ellenbogen gefaßt und heraufgezogen, hat ein Pflaster besorgt und es dem Mädchen auf das blutende Knie geklebt. Wie das Band eines geheimen Ordens schmückt nun dieses Pflaster, (...) und korrespondiert so mit den vielen anderen Pflastern, welche viele andere aufgeschlagene Kinderknie schmücken, (...) Von diesem Sturz an hat das Mädchen keine Menstruation mehr, es ist diesen widerwärtigen Geruch los, die Krämpfe und die Übelkeit." (S. 91f.)

"Der Brief, den das Mädchen heute eingeworfen hat, lautet: DU BIST FÜR MICH GESTORBEN: VIELE GRÜSSE - DEINE MAMA. (...) Wie in Stein gehauen sehen die Buchstaben aus." (S. 111)

"Ach, du bist meine Mutter, sagt die, welche das Mädchen gewesen war, und öffnet sehr langsam die Augen, ich kann mich gar nicht an Dich erinnern." (S. 125)

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"Ich finde nicht, dass du irgendwelche Ansprüche auf mich hast. [...] Ich habe dir ja gesagt, wie es ist. Ich habe dir gleich zu Anfang gesagt: Ich bin nicht verliebt in dich." "Was soll das denn jetzt heißen? Du hast aber auch gesagt: Ich liebe dich, bestimmt." "Nein, ich habe gesagt: Ich liebe dich, natürlich, aber ich bin nicht in dich verliebt." [...] "Ach Frank ..." Sie schaute ihn an, als ob sie Mitleid mit ihm hätte, und das hasste Herr Lehmann mehr als alles andere. Die blöde Schlampe, dachte er. (S. 248f.)

"Dann: Hat Ihr Freund irgendwelche Allergien?" "Weiß ich nicht." "Trinkt er viel Alkohol?" "Naja, was heißt viel?" "Jeden Tag?" "Denke schon." "Nur Bier? Oder Wein? Harte Alkoholika?" "Ja." "Alles?" "Ja klar." "Hm...Drogen? Hat er Drogen genommen?" "Ich denke schon, nehm ich mal an. Wenn er zwei Nächte durchgemacht hat ..." "Welche?" "Ja, also da bin ich überfragt?" "Kokain, Amphetamine? Heroin?" "Heroin nicht, das glaube ich nicht, da bin ich mir sicher." "Kokain? Amphetamine? Speed?" "Wahrscheinlich." "LSD?" "Gibt's das noch?" (S. 275f)

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In der DDR waren Wahlen etwas anders. Man ging dazu meistens in die nächste Schule. Dort saßen die SED-Genossen aus dem Wohngebiet. Man erkannte sie daran, dass sie am 1. Mai und am 7. Oktober und an anderen wichtigen Tagen die ersten auf dem Bürgersteig waren. Die meisten Leute aber schliefen an diesen Tagen aus und bügelten dann bei Westfernsehen die Wäsche oder nutzten den freien Tag, um ihren Fluchtplänen in den Westen den letzten Schliff zu geben. [...] Wir galten als Revolutionäre, weil wir nur eine rote Fahne aus unserem Fenster hängten. Die Normalen hatten eine DDR-Fahne, und die Schleimer hatten doppelt geflaggt, DDR und rot. [...] Die Normalen und die Schleimer waren dann nach der sogenannten Wende schnell mit der Schere zugange, um das DDR-Symbol aus ihren Fahnen zu schneiden und dann löchrige Fahnen vor Westkameras zu schwenken. Heute jammern sie, dass sie genau dieses Loch in ihren Herzen spüren. Wir Revolutionäre haben noch unsere rote Fahne, an der man nichts schnippeln kann. [...] Heute müssen wir immer noch in dieselben Wahllokale in der Schule gehen [...]. Manches hat sich aber auch verändert. [...] Die Kandidaten der Nationalen Front stehen nur noch im benachbarten Frankreich zur Wahl, auf unserem Wahlzettel sind nur obskure Tarnorganisationen der Schröder-Schäuble-Clique aufgeführt. [...] wählt man eine der Parteien, die dem herrschenden Spektrum noch am fernsten liegen, kann man sicher sein, von den Herrschenden zufrieden als Protestwähler deklariert zu werden. Wogegen man protestiert, ist eigentlich egal, denn an der Politik kann die Deutsche Bank bei der derzeitigen Lage sowieso nichts ändern. (S. 56ff)

Um 19.30 Uhr aß Familie Rüter dann Abendbrot, und anschließend musste Andreas ins Bett. Er schlief zur Freude seiner Eltern sehr schnell ein, denn jetzt wollten sie nämlich Westen gucken. Andreas wartete noch einen Moment ab, dann setzte er sich an sein selbstgebasteltes Loch im Türrahmen, und Familie Rüter hatte einen harmonischen gemeinsamen Abend, ohne es eigentlich zu wissen. Viel genutzt hat es Andreas nicht, denn zur entscheidenden Fernsehzeit zwischen 17.50 Uhr und 19.00 Uhr war er von seinen Altersgenossen abgeschnitten. Da liefen nämlich "Captain Future", "Hart aber herzlich" und natürlich montags der legendäre "Colt Seavers". Andreas hätte ja vielleicht mit uns gucken können, aber mit so einem Pisser, der dienstags nie mitreden konnte, wollte keiner was zu tun haben. (S. 87)

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Ich denke: 8.00 Uhr aufstehen, 9.30 Uhr Trauerrede, 10.00 Uhr Beerdigung, 11.00 Kaffee und Kuchen ... und ein Satz aus einem Buch fällt mir ein: Wir machen aus dem Tod eine saubere Sache.
Laura und ich sitzen in der zweiten Reihe, hinter unseren Eltern und Onkel Leo mit seiner Frau. Auf der anderen Seite des schmalen Ganges sehe ich die drei Gärtner-Brüder mit ihren Familien und meine Cousins und Cousinen, die ich seit zehn Jahren nicht gesehen habe (das letzte Mal am achtzigsten Geburtstag meiner Großmutter). Auch sie haben ihre Familien dabei, darunter Kleinkinder und Säuglinge, meine Neffen und Nichten zweiten Grades. Zum ersten Mal bin ich nicht das jüngste Mitglied der Familie, eine Stellung, mit der ich mich im Laufe der verschiedenen Familienfeste ganz gut angefreundet hatte. Der Rest der Trauergemeinde besteht aus entfernten Verwandten und Bekannten, deren Namen und Gesichter ich nicht einordnen kann, die meisten scheinen über siebzig zu sein.
Ich versuche, mich auf die Rede des Pfarrers zu konzentrieren. Er spricht von einer einfachen Frau, den kleinen Freuden im Leben, der Liebe zur Natur und dem Vertrauen zu Gott und dem ewigen Leben. Meine Großmutter hat nie von Gott gesprochen, ich kann mit nicht vorstellen, daß sie zu ihm Vertrauen hatte.
Neben mir hat Laura angefangen zu weinen. Ich kann das Gesicht meines Vaters nicht sehen, dafür das von Onkel Leo und meiner Mutter, beide starren auf die Blumenkränze, ohne Tränen. Die monotone Stimme des Pfarrers lullt mich ein, und ich sehe meine Großmutter beim Bohnenschnippeln. Oder bei uns zu Hause, wie sie Laura und mir vorliest, den linken Zeigefinger auf den Zeilen, den rechten auf der Wange. Ein Schneidezahn war grau, und sie hatte einen braunen Fleck auf der einen Backe. Und wenn sie schläfrig wurde, zog sich ihre Oberlippe leicht zusammen und warf kleine Fältchen. (S. 11 - 12)

Ich versuchte, meiner Suche nach Emma System zu geben. Ich kaufte Straßenkarten von Freiburg und der Umgebung und fuhr die Strecke, die ich zurücklegte, mit einem Stift nach, auf einer Parkbank oder in einem Café, obwohl ich mir das immer seltener leistete, mir fehlten Zeit und Geld. Spät am Abend, es wurde immer später, besah ich mein Werk, fuhr ich noch einmal die Strecke nach, die ich am Tag bewältigt hatte, und radierte schließlich die Linien aus.
Ich kaufte einen Zirkel und teilte die Stadt sowie die umliegenden Wälder und Berge in ringförmige Zonen ein. Jeden Tag ging ich dieselbe Strecke ab, versuchte jedoch, jeweils weiter zu kommen als am Tag zuvor, womöglich in eine weitere Zone, einen neuen Ring vorzudringen. [...]
Am Anfang schaffte ich den ersten Ring in fünfundvierzig Minuten, später in fünfundzwanzig. Und so fort - ich verlor an Gewicht, denn ich aß nicht viel, war abends tot vor Erschöpfung und fiel in mein Bett, mit Kaugummi im Mund und Turnschuhen an den Füßen.
Vier Ringe, vier Zonen, das hatte ich bis zur Mittagspause geschafft, das war die Innenstadt, danach ging es zu den Villen und in die Berge. (S. 104 - 105)

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hier [im Supermarkt] sind die hamsterbacken gründlich ausgebrochen, da kaufen die leute, als wäre ein kleiner weltuntergang im kommen, und kommt er wahrscheinlich auch, sickert durch von oben ganz langsam. [...]
und schon fängt können sie ihr kind nicht bei der stange halten? an in den gesichtern der menschen, doch da ist ja auch kein kind, informiere ich sie, das ist höchstens ein menschlich bewachsener pinguin, bei dem die zeit reinschneit, reinscheint eine andere sonne (S. 27 - 28)

eine schulfreundin, die verdiente, daß es kracht, die auch die richtige ausbildung dazu hat, womöglich kleßheim, hotelfachschule, und in den letzten fasern einer beziehung zu einem gewissen andi, rudi, franz steht, sich dabei das halstuch zurechtrichtet, an irgendeiner marineblauen jacke nestelt: und wie geht es dir? oder so mich dann kurz fragen würde, damit sie sich in ruhe weiterschneuzen kann in ihr algebrataschentuch. (S. 41)

ja, hört ihr mal alle her da unten in austria,
felix oberquatsch austria,
wir haben da oben den durchblick,
da könnt ihr mit eurem vienna einparken, das ist oberlangweilig dagegen,
in berlin geht die post ab,
und zwar doppelt.
oder so. (S. 67)

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Die Vergangenheit war so dicht mit mir verwoben, daß sie mir manchmal wie mein eigenes Leben erschien. Die Geschichte meiner Urgroßmutter war meine Geschichte. Aber wo war meine Geschichte ohne meine Urgroßmutter? Ich wußte es nicht. (22)

Marie trinkt Wodka, ist zögerlich, sagt - Glück ist immer der Moment davor. Die Sekunde vor dem Moment, in dem ich eigentlich glücklich sein sollte, in dieser Sekunde bin ich glücklich und weiß es nicht. (158)

Die Stimme von Edwyn Collins klang brüchig, ich rauchte drei Zigaretten hintereinander, "Wer ist es diesmal," sagte Markus Werner beiläufig, seine Plastikhandschuhe machten ein klebriges Geräusch. "Ach halt die Klappe", sagte Christiane und sah sich im großen Spiegel von der Seite an, Hand in die Hüfte gestützt, Blick von unten, sie hatte kleine blaue Schatten unter den Augen, sie sah toll aus, sagte: "Wir werden Spaß haben", küßte mich auf den Mund. (98)

Ich hatte, seitdem ich bei meinem Geliebten war, schon lange nicht mehr wirklich gesprochen, ich sprach kaum mit ihm, und er sprach so gut wie nie mit mir, immer nur sagte er diesen einen Satz, und es gab Augenblicke, in denen ich dachte, die Sprache bestehe einzig und allein aus diesen sieben Worten: Ich interessiere mich nicht für mich selbst. (21)

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Ey, manchmal habe ich auch Angst. Aber nicht so wegen der Pillen, eher wegen der ganzen anderen Scheiße und so. Da denke ich jetzt lieber nicht dran, sonst krieg ich noch komplett schlechte Laune, und darauf habe ich jetzt original überhaupt keine Lust. (10)

Ich meine, ich habe ja sonst was gegen Pillen, aber manchmal sind die gar nicht so schlecht. Da kann man nämlich wunderbar relaxen. Nee, echt. Man schluckt eine Pille, und schon fühlt man sich wie Vampirella. (...) Ich könnte dann echt immer sofort losficken. Ich weiß auch nicht, wie das kommt. Ist aber ja auch ganz praktisch, oder?! Das Blöde ist dann nur, daß Chris meistens grad nicht da ist und dann muß ich mich wieder mit dem dämlichen Harald vergnügen. Und der kann ganz schön nerven. Ich meine, irgendwie sagt der nie was. Ich meine, der macht in meiner Muschi rum und hinterher sagt der nie was. Ich finde das irgendwie doof. Ich meine, kann vielleicht mal einer sprechende Vibratoren herstellen, die hinterher noch was Nettes sagen. (223)

Zuerst, da hat Chris noch richtig gekämpft, wie so ein Ritter aus dem letzten Jahrhundert. Und dann kam nichts mehr. Jetzt sitze ich da, und der Typ quält mich.
Ich glaube, das geht gar nicht anders.
Du bist als Frau auf der Welt, um gequält zu werden. So ist das einfach. Emanzen haben es da ja noch schwerer, weil Männer Emanzen hassen. Da bleibt einem gar nichts anderes übrig, als sich quälen zu lassen, damit die Männer einen wenigstens in bißchen mögen. (153)

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Zwei schlaffe Arme schwappten nach, die Ärmel beinahe wie hochgekrempelt und dennoch zwei vollkommen untätige Arme, und die Arbeiter, die nur noch starrten und schwiegen und ihren Augen nicht trauten, umstanden das Wehr und das sich aufstauende Wasser und sahen dem auftreibenden Leichnam zu, dessen Kopf noch in die Tiefe nickte wie zu einem stillen Gruß, zu einem Gruß an den Harkemann, der seine Beute freigegeben hatte am dritten Tag, nachdem er sie mit schwarzem Wasser erstickt und über die Schlammbänke und Untiefen des Grundes zu Tode geschleift hatte. (S. 34)
Wasserratten hatten ihm die Nase und das Fleisch von den Wangenknochen ge- rissen (...). Der Harkemann hatte den Leib seines Todfeindes, meine Urgroßvaters zurückgegeben, aber sein Gesicht hatte er behalten. Solcher Art war die Rache des Harkemannes, wenn man seine Ruhe störte, erzählten die Mütter und Großmütter und warnten uns vor dem Wasser... (S 37)

Er blieb allein mit seinem dritten Sohn, dem Krüppel, der sich bei einem Kinderspiel auf dem Eis das Knie zerschlagen hatte und seitdem kein Kind mehr sein konnte, weil er seinen immer gewaltiger werdenden Körper fortan auf einen Stock stützen musste. Er blieb allein mit dem Sohn, dem er bislang kaum Beachtung geschenkt hatte, weil dieser Sohn nicht vorkam in seinem Auftrag, das Werk seines Vaters auf der Missgunst fortzuführen und es nunmehr seine Söhne fortführen zu lassen. Seine Söhne (...) waren die Erben seines Auftrags und nicht der Krüppel... (S. 70)

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Jetzt erzählt sie von Gaultier und dass der nichts mehr auf die Reihe kriegt, desing-mäßig, und dass sie Christian Lacroix viel besser findet... (S. 10)

Dann geht uns irgendwann der Gesprächsstoff aus, und Sergio redet nicht weiter, also zünde ich mir eine Zigarette an und sehe erst auf meine Fingernägel und dann aufs Meer. (S 15)

Aber das würde der Taxifahrer nicht verstehen, weil er sonst ja auch ein Kiton-Jackett tragen würde, sich die Haare anständig schneiden und kämmen und seinen Regenbogen-Friedens-Nichtraucher-Ökologen-Sticker von seinem Armaturenbrett reißen würde. Also zahle ich dem Taxifahrer seinen Fahrpreis und gebe ihm noch ein dickes Trinkgeld, damit er in Zukunft weiß, wer der Feind ist. (S. 26)

... dann bekomme ich so eine halbwache Vorahnung von, na ja, etwas Kommenden, etwas Dunklem. Nicht, dass mir das Angst machen würde, dieses Nahende, aber er ist auch nicht angenehm (...) Ich habe das auch noch niemanden erzählt, deswegen kann ich es auch nicht besser erklären. Es liegt hinter den Dingen, hinter den Schatten, hinter den großen Bäumen, deren Zweige fast den See berühren, und es fliegt hinter den dunklen Vögeln am Himmel her. (S. 123)

b) Protokoll der Sitzung: I. Ergebnisse:

1. Die Zuordnung der ausgewählten Zitate fiel leicht.

- "Das Blütenstaubzimmer" wurde an der Blütenmetaphorik sowie an dem Namen "Alois" erkannt.
- Für "Soloalbum" wurde der Ausdruck "Wolfgang Arschgesicht Petry" als charakteristisch angesehen.
- Im "Crazy"-Ausschnitt kam der Name Benjamin Lebert vor, weshalb die Zuordnung leicht fiel. Das gleiche gilt für "Herr Lehmann".
- Die Briefform des dritten Zitats war für das "Alte Kind" bezeichnend.
- "Mein erstes T-Shirt" ließ sich anhand der Beschreibung des DDR-Alltags identifizieren.
- In "Verloren, mein Vater" konnte man anhand der Personen den Quellentext benennen.
- Die durchgehende Kleinschreibung ist für "Abrauschen" signifikant.
- "Relax" wurde durch den Begriff des "Losfickens" zugeordnet.
- "Vom Wasser" verriet sich durch spezifische Wortstellungen sowie die häufige Verwendung des Begriffs "Wasser".
- "Faserland" konnte aufgrund der Erwähnung von Marken, des Taxifahrens sowie des Namens Sergio ausgemacht werden.
- Probleme ergaben sich lediglich bei "Sommerhaus, später", da es sich bei den Textzitaten um Ausschnitte aus verschiedenen Erzählungen handelte sowie beim "Blütenstaubzimmer" und "Verloren, mein Vater", weil beide eine gewisse thematische Ähnlichkeit vorweisen.

2. Folgende rekurrente Themen wurden von den Arbeitsgruppen entdeckt:

- Reisen als Suche (z.B. Herr Lehmann; Verloren, mein Vater; Sommerhaus, später)
- Familienbeziehungen (z.B. Blütenstaubzimmer; Geschichte vom alten Kind; Sommerhaus, später); die Nichtexistenz des Themas Familienbeziehungen wurde auch beobachtet (z.B. Faserland; Solo-al-bum; Relax)
- Nostalgie (Mein erstes T-Shirt, Herr Lehmann)
- Vergangenheitsbeschreibung versus Gegenwartsbeschreibung
- Eigene individuelle Geschichte des Erzählers versus allgemeine Historie; es wurde die Vermutung ge-äußert, dass der unterschiedliche Umgang mit privater bzw. öffentlicher Geschichte etwas mit der Er-zählhaltung/-strategie des Erzählers zu tun haben könnte; möglicherweise kann sich hier auch ein Kri-terium der Unterscheidung zwischen Pop und "Nicht-Pop" herauskristallisieren.
- Lifestyle/Lebensstile (Soloalbum; Faserland; Crazy), die sich aus Marken, Parties, wenig Ver-ant-wor-tung, Fun, Freizeit zusammensetzen
- Das zunächst genannte Thema "Freundschaftliche Beziehungen/Familienersatz" wurde dann inner-halb der Diskussion umformuliert zu einer negativen "Beziehungslosigkeit", "nicht funktionierende Kommunikation/Beziehungen" (z.B. Soloalbum; Sommerhaus, später; beim Beispiel "Verloren, mein Vater" wurde keine Einigkeit darüber erzielt, ob hier vornehmlich funktionierende oder defekte Be-ziehun-gen beschrieben würden)
- Entgrenzungsversuche (z.B. Blütenstaubzimmer; Relax; Sommerhaus, später)
- Geld (Soloalbum; Abrauschen; Sommerhaus, später; Vom Wasser???)

3. Diskussion der von der Inhalte-Gruppe angebotenen Vorschläge für rekurrente Themen:

Die Trennung in privaten Raum und Gesellschaft wurde in Frage gestellt. Eine solche Aufteilung sei in der Literatur der 90er Jahre, ganz anders als in der 80er Jahre-Literatur, schwierig.

Über den Terminus "In-Group" herrschte Uneinigkeit darüber, inwieweit es sich bei "In-Groups" um ver-schieden große gesellschaftliche Inseln handle oder ob damit eine Masse Gleichgesinnter im Ge-gen-satz zu einer ausgegrenzten Minderheit gemeint sein könnte.

Es wurde die Frage aufgeworfen, warum die Inhalte-Gruppe bei Privat den Themenkomplex "Stadt/Provinz" und bei Gesellschaft der Themenkomplex "Urbanität/neuer Provinzialismus" schein-bar eine Doppelung der Begrifflichkeit vorgenommen hat.

Es geht dabei tatsächlich um unterschiedliche Phänomene: Urbanität ist eine Funktion von Stadt und Pro-vinzialismus eine Funktion von Provinz. ["Funktion" meint hier sich aus der räumlichen Situation, dem "setting" heraus ergebende Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen von Individuen und/oder Romanfiguren; AS]

II. Nachtrag der Inhalte-Gruppe:

Wir sind zufrieden, dass unser Konzept aufgegangen ist. Die Arbeitsgruppen haben ähnliche Er-geb-nis-se hervorgebracht, wie wir in unseren Vorbereitungsbesprechungen. Natürlich wurden nur selten die beo-bachteten Phänomene mit genau den Begriffen benannt, die wir uns überlegt hatten. Aber die uns we-sentlich erscheinenden Punkte wurden auch genannt:

1. Das Thema "Reisen" gehört in unserer abstrakten Themengliederung zusammen mit den Themen-ge-bieten "Grenzüberschreitung" und "Selbstfindung" zum Themenkomplex "Entwicklung".

2. Das Thema "Familienbeziehungen" stimmt mit dem überein, was wir mit dem Begriff "Familie" be-zeich-net haben.

3. Über den Begriff "Nostalgie" haben wir in unseren Vorbesprechungen auch diskutiert. Da er aber so-wohl unter die Rubriken "Kulturelles Archiv", als auch "Entwicklung" ("Selbst-konstitu-tion/Koordinatensuche") sowie Geschichte hineinpasst, haben wir ihm keinen eigenen Platz einge-räumt.

4. "Lifestyle" passt nach unserer Gliederung sowohl zu den Themen "Türsteherprinzip" als auch zum "Kul-turellen Archiv".

5. Da es in den untersuchten keine "wahren" bzw. funktionierenden freundschaftlichen Beziehungen (ob dies bei "Verloren, mein Vater" der Fall ist, war umstritten) gibt, haben wir anstatt einer Rubrik "Freund-schaft" die Rubrik "Sprach- und Beziehungslosigkeit" gebildet. Dazu gehört selbst-ver-ständ-lich auch der Begriff "Kommunikation", der im Seminar fiel.

c) Die Folie

Rekurrente Themenkomplexe (?)

Gesellschaft:
- Kulturelles Archiv (z. B. Branding)
- Türsteherprinzip/ In- und Outgroups
- Party/ Drogen/ Alkohol
- Urbanität/ Neuer Provinzialismus-

Privater Raum:
- Entwicklung - Rückentwicklung - Nicht-Entwicklung
- Stadt/ Provinz
- Sexualität
- Sprach- und Beziehungslosigkeit (Liebe, Freundschaft)
- Familie

Politik, Geschichte

Tod